Interview with
Hans Hess x Peter Sauber
Obwohl sie sich auf sehr unterschiedliche Bereiche spezialisiert haben, scheinen die beiden Schweizer Hans Hess, ein Sport-Ingenieur und Aerodynamik-Fachmann, und Peter Sauber, der Gründer des gleichnamigen Formel 1 Rennstalls, eine ganze Menge gemeinsam zu haben. Sie haben beide den größten Teil ihres Arbeitslebens mit der Suche nach Möglichkeiten zur Steigerung von Geschwindigkeiten in ihren jeweiligen Sportarten verbracht.
Interview vom Juli 2012.
FRAGE
Gab es ein spezielles Ereignis, das Sie in diese berufliche Richtung geführt hat?
Peter Sauber: Ich kam aus reinem Zufall mit dem Motorsport und der Konstruktion von Rennwagen in Berührung. Aber ab dem Moment war mein Leben mehr als 40 Jahre lang von der Herausforderung geprägt, Rennwagen schneller zu machen. Hans Hess: Es ist klar, dass Peter Sauber und ich vieles gemeinsam haben. Der Umfang meiner Entwicklertätigkeit war jedoch verglichen mit der Formel 1 Technologie etwas geringer. Meine Arbeit war auf den menschlichen Körper und das Stückchen Stoff, mit dem er bedeckt ist, beschränkt. Insgesamt jedoch gab es Ähnlichkeiten bei unserer Arbeit, was Aerodynamik, Materialwissen und Verarbeitung, der Mut zu neuen Ideen sowie eine ordentliche Portion Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen betrifft. Bei mir, denke ich, war der prägende Moment eine Lauberhorn-Abfahrt Mitte der 1960er Jahre, die ich gemeinsam mit Hans Keller besuchte. Mit ihm hatte ich zu der Zeit an der Entwicklung neuer Tiefsee-Tauchanzüge gearbeitet. Ich war sofort beeindruckt, wie wichtig das Design eines Rennanzugs offensichtlich war, um Siege erringen zu können. Zufälligerweise waren Vertreter des Schweizerischen Skiverbandes und einer von dessen Hauptsponsoren im selben Hotel wie wir untergebracht. Diese führte dann zu einer sehr erfreulichen Zusammenarbeit mit entsprechender finanzieller Unterstützung. Es wurden Windkanaltests durchgeführt und die Schweizer Herren und Damen gewannen später bei den Olympischen Winterspielen von Sapporo Gold- und Silbermedaillen.
FRAGE
Sowohl im Autorennsport als auch im Alpinen Skisport können Sekundenbruchteile über Sieg und Niederlage entscheiden. Deshalb ist das Streben nach aerodynamischer Perfektion ganz entscheidend. Was sehen Sie als Ihre bedeutendste technische Entwicklung an?
PS: Motorsport und Skifahren haben eines gemeinsam: das Ziel, den Luftwiderstand zu reduzieren. Es gibt jedoch noch einen weiteren wichtigen Aspekt im Motosport: Abtrieb. In dieser Hinsicht markierte die Einführung von Front- und Heckflügeln bei den Rennwagen einen bedeutenden technologischen Durchbruch. HH: Wir produzierten für die Weltcup-Saison 1979 einen neuen 3-lagigen Descente-Rennanzug, der aus einer äußeren Schicht aus feinem Stoff und einer Innenschicht mit einem neuen Schaumstoff-Klebstoff bestand, der – obwohl kompliziert – zu einer deutlichen Reduktion des Luftwiderstands führte und trotzdem die FIS-Vorschriften bezüglich Luftdurchlässigkeit erfüllte. Beim fünften Rennen der Saison, in Crans Montana (Schweiz), trugen die drei Erstplatzierten diesen Anzug. Danach wollte ihn jeder haben, auch das kriselnde österreichische Team. Descente beauftragte mich daraufhin, Rennanzüge für die Österreicher herzustellen. Wir hatten jedoch zu diesem Zeitpunkt in unserer Fabrik in Aaldorf nur grüne Stoffe. Die österreichischen Farben waren jedoch rot und weiß. Der Aufschwung bei den Österreichern war danach dramatisch und sie begannen wieder, aufs Podium zu fahren – in froschgrünen Anzügen! Beim letzten Rennen der Saison trugen die ersten Neun den neuen Descente-Anzug.
FRAGE
Sie haben im Laufe Ihrer Karriere sicherlich eine Menge Entwicklungen erlebt. Gibt es immer noch Raum für weitere Verbesserungen oder sind die physikalischen Limits inzwischen erreicht?
PS: Wenn man sich die Geschichte des Sports ansieht, stellt man fest, dass die Athleten seit Jahrzehnten ständig höher springen oder schneller laufen. Das Gleiche gilt für die Rennwagen. Sie werden immer schneller, die Grenzen werden ständig weiter verschoben. HH: Obwohl ich alle meine Arbeiten immer noch frisch im Gedächtnis habe, bin ich mir heute sicher, dass die physikalischen Grenzen noch nicht erreicht wurden. Sehen Sie sich nur die Formel 1 an. Hier streben die Entwickler, im ständigen Kampf, die Grenzen weiter auszudehnen, danach, Herausforderungen zu bewältigen, die oft nur kleinste Details betreffen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Man muss am Ball bleiben. Arbeiten, forschen, weiterentwickeln und niemals aufgeben! Wie uns die Welt ständig vor Augen führt, muss der Entwicklungsprozess weiter gehen.

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FRAGE
Sehen, wie die Dinge, die Sie geschaffen haben, auf der Rennstrecke oder Piste erfolgreich eingesetzt werden, muss sehr befriedigend gewesen sein. Gibt es einen Sieg, der für Sie eine besondere Bedeutung hat?
PS: Das war unser erster Formel 1-Sieg, als wir 2008 in Montreal mit Robert Kubica und Nick Heidfeld die ersten beiden Plätze belegten. Es war schon ein spezielles Gefühl, es in der Formel 1, der Königsdisziplin des Motorsports, ganz nach oben geschafft zu haben.
HH: Es ist immer sehr befriedigend, wenn man sieht, wie deine technischen Entwicklungen in der Praxis funktionieren. Ich hatte das Glück, dass meine Arbeiten auch in vielen anderen Sportarten neben dem Skifahren erfolgreich waren. Zu den denkwürdigsten Errungenschaften gehörten revolutionäre Radbekleidungen, Eisschnelllaufanzüge, die zum ersten Mal bei Olympia 1976 in Innsbruck eingesetzt wurden und auf ein tolles Echo stießen, sowie Skisprung-, Skeleton-, Rodel und Bobanzüge. Darüber hinaus auch die Rennanzüge für die vielfachen Motorad-Seitenwagen-Weltmeister Rolf Biland und Kurt Waltisberg.
FRAGE
Mit welchem Athleten haben Sie am liebsten zusammengearbeitet und warum?
PS: In meiner langen Tätigkeit im Motorsport hatte ich das Privileg mit großen Persönlichkeiten wie Michael Schumacher, Kimi Räikkönen, Jacques Villeneuve und Kamui Kobayashi zusammenzuarbeiten.
HH: Um ehrlich zu sein, gab es nur wenige Sportler, mit denen ich gerne zusammengearbeitet habe. Ich habe lieber mit Spezialisten gearbeitet, die im Hintergrund werken, wie die Aerodynamiker beim kleinen Windkanal an der ETH Zürich oder beim großen Windkanal in Emmen. Ich habe mich außerdem sehr gerne mit Karl Frehsner, dem früheren Herren-Cheftrainer des Schweizer Skiverbands, ausgetauscht. Er hatte immer gute Ideen und war sehr kooperativ.
FRAGE
Sie hatten beide während ihrer Karriere mit Japan zu tun. Dabei kommen einem vor allem die erfolgreichen Descente-Skianzüge und die Unterstützung für den Formel 1 Fahrer Kamui Kobayashi in den Sinn. Haben Sie besondere Erinnerungen an die Arbeit mit Japan und Japanern?
PS: 1985 nahmen wir zum ersten Mal an einem Sportwagenrennen in Japan teil. 1989 und 1990 gewannen wir die 1.000 KM von Suzuka und wir haben inzwischen an 20 Formel 1 Rennen in Japan teilgenommen. Es ist klar, dass man eine Beziehung zu einem Land entwickelt, wenn man so oft dort ist. Und nun hatten wir Kamui Kobayashi für zweieinhalb Jahre im Team. In meinen Augen ist er nicht nur der beste japanische Formel-Fahrer aller Zeiten, sondern auch ein warmherziger und sehr freundlicher Mensch, mit dem man sehr gerne zusammenarbeitet.
HH: Aufgrund meiner eigenen Erfahrung möchte ich sagen, dass ich die langjährige Zusammenarbeit mit Japan und den Japanern als sehr lohnend empfand. Sie war geprägt von großem gegenseitigem Respekt und Vertrauen. Wir haben zusammen viele wunderbare sportliche Erfolge gefeiert. Ich bin Descente außerdem für die großzügige Unterstützung meiner Arbeit über all die Jahre sehr dankbar.
FRAGE
Welche Herausforderungen sehen Sie für Ihre Nachfolger in den kommenden Jahren?
PS: Ich erwarte mir, was vielleicht jeder in meiner Position erwarten würde: dass meine Nachfolger die Dinge besser machen als ich.
HH: Das Wichtigste in den Bereichen Forschung, Entwicklung und langfristige Planung ist es, jedwede mögliche Ressource zu nutzen, um das zu erreichen, woran man glaubt. Um erfolgreich zu sein, muss man in seiner Arbeit aufgehen, eine Vision haben und eine Menge Mut besitzen, um neue Ideen zu verfolgen. Selbstverständlich muss man dazu eine starke Persönlichkeit besitzen.
Es gibt Zeiten, in denen neue Entwicklungen nicht allein mit den Ressourcen der eigenen Firmen vorangebracht werden können. Wenn andere zu einem Projekt hinzugezogen werden müssen, muss dies Stück für Stück geschehen, um sicherzustellen, dass die innerbetriebliche Vertraulichkeit gewahrt bleibt.

*Luftdurchlässigkeits-Tests: Diese Test werden von der FIS zur Überprüfung der Luftdurchlässigkeit von Abfahrtsanzügen durchgeführt. Der Stoff muss eine Mindestluftdurchlässigkeit von 30 Litern pro m²/Sekunde aufweisen. Es tauchten im Skizirkus Abfahrtsanzüge mit einer speziellen Oberflächenbeschichtung auf. Aber nach zahlreichen Beinaheunfällen und der Sorge bezüglich Sicherheit und Gesundheit der Athleten wurden rutschige Oberflächenbeschichtungen 1977 verboten.
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